.......................Die Bronzetür des Rathauses der Hansestadt Greifswald
Mit den sanierten Giebelhäusern, dem Rathaus am Markt, den Kirchen der Backsteingotik und der altehrwürdigen Universität hat die Innenstadt Greifswalds für ihre Besucher eine besondere Anziehungskraft. Die Altstadt ist von der Wallpromenade entlang der mittelalterlichen Stadtmauer umschlossen und im Norden wird sie durch den Ryck mit dem Museumshafen begrenzt. Von hier führt der idyllische Treidelpfad zu den an der Dänischen Wieck liegenden Ortsteilen Eldena und Wieck. Vom Turm des Greifswalder Doms St. Nikolai kann man weit ins Land blicken und die reizvolle Lage der Stadt entdecken. Die Freude an den historischen Bauten der Hansestadt verdanken wir Greifswalder Bürgern und Persönlichkeiten, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges durch mutige Entschlossenheit die Stadt vor Vernichtung bewahrten. 1965 wurde der Rostocker Bildhauer Joachim Jastram beauftragt, für das Hauptportal des Greifswalder Rathauses eine Bronzetür mit acht Relieftafeln zu gestalten, die mit Bild und Text die historischen Ereignissen in der Hansestadt Greifswald reflektieren.

1945
Am 29. April fährt kurz vor Mitternacht eine Parlamentärdelegation, von zwei Dolmetschern begleitet, in südlicher Richtung - Anklam brannte bereits - den Sowjettruppen entgegen. Zu den Parlamentären gehören als Leiter der Delegation Oberst Dr.-lng. Max Otto Wurmbach (1885-1946) aus dem Stab des Kampfkommandanten und dessen Stellvertreter, Oberstarzt Prof. Dr. Gerhardt Katsch (1887-1961) als Direktor der Medizinischen Klinik und der Rektor der Greifswalder Universität, Prof. Dr. Carl Engel (1892-1947). In den Morgenstunden des 30. April wird vom sowjetischen Generalmajor Borschtschow das Kapitulationsangebot angenommen. Für das Gelingen der Übergabe der Stadt laufen in Greifswald in der Nacht und in den frühen Morgenstunden die Vorbereitungen. Als die Panzer der Roten Armee am Morgen des 30. April in die Stadt rollen, ist die nationalsozialistische Führung geflohen. An den Häusern und Kirchtürmen hängen weiße Tücher, eilig gedruckte Plakate mit der Bekanntgabe der Bedingungen der Kapitulation sind angebracht, Kampfhandlungen verhindert. Die Stadt wird am 30. April 1945 um 11 Uhr im Greifswalder Rathaus von dem Kampfkommandanten Oberst Rudolf Petershagen an den sowjetischen Generalmajor Nikolai Grigorjewitsch Ljastschenko (1910-1989) übergeben. Für ihre Verdienste bei der Rettung der Stadt erhalten 1952 Prof. Katsch, 1955 Oberst Petershagen, 1980 Generalmajor Ljastschenko sowie postum 1993 Oberst Wurmbach und Major Johann Schönfeld (1907-2002) die Ehrenbürgerwürde der Stadt Greifswald. Zu den Persönlichkeiten, die sich im April 1945 ihrer Verantwortung für das Schicksal der Stadt Greifswald stellen, gehören auch Justizrat Hans Lachmund und seine Frau Margarete, der Theologieprofessor Ernst Lohmeyer, Stadtrat Dr. Siegfried Remertz und Bürgermeister Richard Schmidt, welche die Amtsgeschäfte des beim Herannahen der Front geflüchteten Oberbürgermeisters Dr. Friedrich Rickeis führen, der Wiecker Pfarrer Gottfried Holtz, der Angestellte Hugo Pfeiffer, der Anwalt Walter Graul und andere. Manche von ihnen kommen später in sowjetischen Internierungslagern ums Leben.

Die Reliefdarstellungen der Bronzetür:
Die Reliefdarstellungen der Bronzetür sind entsprechend der Chronologie der Ereignisse von unten nach oben zu lesen.

Untere Bildfelder
Jo Jastram schildert in seinen Reliefs die Unmenschlichkeit der Leiden in Konzentrationslagern in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, er zeigt aber auch durch eine eng zusammengerückte Gruppe, wie sich der Widerstand gegen Gewalt und Vernichtung formiert. Peter Gugisch, damals Germanist an der Greifswalder Universität, würdigte ihren heldenhaften Einsatz mit den folgenden Worten: IM TODE NOCH HALF ER / DAS LEBEN WEITERTRAGEN / DER HELD / DES ILLEGALEN WIDERSTANDES

Mittlere Bildfelder
Das rechte große Relief ist der kampflosen Übergabe Greifswalds am 30. April 1945 gewidmet. Auf seiner linken Seite symbolisieren die vier z. T in weite Umhänge gehüllten, bewaffneten Soldaten die Rote Armee. Die rechte Gruppe verkörpert die deutsche Seite durch zwei Vertreter der Wehrmacht und einen Zivilisten. Einer der deutschen Soldaten hält eine Waffe in der Hand, um sie zu übergeben. Sie ist schräg nach unten gerichtet in einen leeren noch zu überwindenden Raum. Ein Pferd mit bizarr nach oben gereckten Beinen ist dieser Gruppe zugeordnet • ein Hinweis auf Vernichtung und verheerende Kriegsfolgen. Hans-Jürgen Geerdts, Professor für Germanistik an der Greifswalder Universität, hat der kampflosen Übergabe der Stadt die Verszeilen gewidmet: IM AUFRUHR DES GEWISSENS / KEIMTE NEUES LEBEN / DEN PATRIOTEN / REICHTE DER SOWJETSOLDAT / DIE HAND / SO WURDE DURCH ENTSCHLOSSNE / TAT GREIFSWALD / DER FREIHEITÜBERGEBEN

Obere Bildfelder
Diese vier Bildfelder reflektieren die Hoffnung des Neuanfangs nach den Schrecken des Nationalsozialismus und des Krieges. Unter Mühen richten zwei Menschen einen Mast auf - ein Zeichen des neuen und schweren Anfangs, des beginnenden Wiederaufbaus. Junge Studenten sitzen in einem Hörsaal und nehmen an einer Vorlesung teil - ein Hinweis auf die besondere Verantwortung der Universität bei der Vermittlung von Lehre und Forschung. Kinder spielen unbeschwert und fröhlich mit einem Ball. Diese Sehnsucht nach einer humanen Zukunft wird mit den vier Verszeilen der ersten Strophe aus Bertolt Brechts Kinderhymne von 1949 unterstrichen: ANMUT / SPARET /NICHT / NOCH MÜHE / LEIDENSCHAFT / NICHT / NOCH / VERSTAND / DASS EIN / GUTES DEUTSCHLAND BLÜHE/WIE EIN ANDRES GUTES LAND

Daten zur Entstehung der Bronzetür:
11.07.1964 Der Kreisvorstand der Gesellschaft für Deutsch-sowjetische Freundschaft empfiehlt dem Rat der Stadt Greifswald zum 8. Mai 1965, dem 20. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des Krieges, am Rathaus eine Gedenktafel anzubringen, die der kampflosen Übergabe der Stadt Greifswald gewidmet ist. 9.12.1964 Nach einer Beratung unter Leitung des Stadtrats Dettmann mit Lehrkräften des
Instituts für Kunsterziehung der Greifswalder Universität wird beschlossen, den Rostocker Bildhauer Joachim Jastram mit der Gestaltung zu beauftragen. 14.12.1964 Ein gemeinsames Gespräch mit dem Künstler lässt schließlich die Idee einer Bronzetür mit drei Reliefs und drei Texttafeln für das Rathaus entstehen. Mit knappen bildhaften Darstellungen und Texten sollen die besonderen historischen Ereignisse von 1945 gewürdigt werden. Prof. Dr. Hans-Jürgen Geerdts vom Institut für Deutsche Philologie wird für die Textgestaltung hinzu gezogen. 24.05.1964 Der von Joachim Jastram in Ton gearbeitete Entwurf mit acht Relieftafeln der Bronzetür wird in seinem Atelier in Rostock bestätigt. Sep 1965 Im Volkseigenen Betrieb Schwermaschinenbau Lauchhammerwerk werden die vom Bildhauer angefertigten Gipsmodelle in Bronze gegossen. Nov. 1965 Das Stadtbauamt beauftragt die Greifswalder Handwerksmeister Zorn und Sander mit der Montage der Relieftafeln und dem Einbau der Tür. 27.02.1966 Im Rathaus findet die feierliche Einweihung der Bronzetür statt. Als Ehrengast ist Rudolf Petershagen anwesend.

Jo Jastram:
4.9.1928 in Rostock geb. † 7.1.2011 gest.
1936-1956 Gymnasium, Studium in Dresden und Berlin
seit 1956 freischaffende Tätigkeit als Bildhauer in Rostock und Kneese
1980-1996 Lehrauftrag und Professur für Plastik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee
lebt seit 1972 in Kneese bei Rostock

Viele Greifswalder und Greifswalderinnen schmerzen deshalb die Verluste wertvoller Bausubstanz besonders in den 1970er und 1980er Jahren in der nördlichen Altstadt, die auch die umfangreiche Stadtsanierung seit 1990 nicht kompensieren konnte.

Aus dem Infoheft der Stadt Greifswald: Die Bronzetür des Rathauses der Hansestadt Greifswald.

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